Das Wichtigste in 60 Sekunden / tl;dr
- Der EU Data Act gilt seit dem 12. September 2025. Er betrifft nicht pauschal jede Datei und nicht automatisch jede SaaS-Anwendung.
- Nutzer von vernetzten Produkten und zugehörigen Diensten können leicht verfügbare Roh- und vorverarbeitete Daten samt nötiger Metadaten verlangen, grundsätzlich kostenlos und maschinenlesbar.
- Daten können unter den Voraussetzungen des Data Act an Dritte weitergegeben werden. Datenschutz, Geschäftsgeheimnisse und Sicherheitsanforderungen bleiben Grenzen.
- Anbieter von Datenverarbeitungsdiensten müssen Wechsel und Interoperabilität erleichtern. Ab 12. Januar 2027 dürfen keine Wechselgebühren mehr verlangt werden; bis dahin sind reduzierte, kostenbezogene Gebühren möglich.
- Für KMU ist ein dokumentierter Export mit Schema, Abhängigkeiten, Zugang und Importtest wichtiger als ein allgemeiner Satz im Vertrag: „Unsere Daten gehören Ihnen.“
Quellen: EUR-Lex: Verordnung (EU) 2023/2854, Data Act · EU-Kommission: Der Data Act erklärt
01
Der Data Act ist kein Daten-Tresor für alles
Der Data Act soll Daten zugänglicher und die europäische Datenwirtschaft fairer machen. Im Alltag treffen dabei zwei Themen aufeinander: Nutzer vernetzter Produkte sollen Daten, die bei ihrer Nutzung entstehen, leichter erhalten und verwenden können. Kunden von Datenverarbeitungsdiensten sollen Anbieter wechseln oder mehrere Dienste parallel nutzen können, ohne unnötig an einem Anbieter festzuhängen.
Das klingt nach einem generellen Recht auf alle Daten. Genau das ist es nicht. Der Anwendungsbereich hängt an Produkt, Dienst, Datenart und Rolle. Abgeleitete Analysen, fremde Inhalte, Geschäftsgeheimnisse und Sicherheitsrisiken können anders behandelt werden.
Zeitliche Einordnung
Die Verordnung ist seit dem 12. September 2025 anwendbar. Die Regeln zu Wechselgebühren sehen zusätzlich eine Übergangsphase bis zum 12. Januar 2027 vor.
02
Welche Produkte und Daten zählen?
Für KMU ist die erste Frage nicht „Haben wir Daten?“, sondern „Welche Daten entstehen in welchem Produkt oder Dienst und wer kann sie ohne unverhältnismäßigen Aufwand abrufen?“
Vernetztes Produkt
Ein Gegenstand, der Nutzungs- oder Umgebungsdaten erzeugt oder sammelt und diese elektronisch, physisch oder direkt am Gerät zugänglich machen kann. Beispiele sind Maschinen, Fahrzeuge, Sensoren oder smarte Geräte.
Zugehöriger Dienst
Eine digitale Leistung, einschließlich Software, die mit einem vernetzten Produkt verbunden ist und dessen Funktion ermöglicht, erweitert, aktualisiert oder anpasst.
Leicht verfügbare Daten
Produkt- und Dienstedaten, die der Dateninhaber rechtmäßig hat oder ohne unverhältnismäßigen Aufwand durch eine einfache Handlung erhalten kann.
Datenverarbeitungsdienst
Ein skalierbarer, auf Abruf nutzbarer Pool von Rechenressourcen wie Infrastruktur, Speicher, Plattformen, Software oder Anwendungen. Für diese Dienste gelten die Wechselregeln des Data Act.
Nicht jedes SaaS ist automatisch Kapitel II
Ein reines internes oder webbasiertes Tool ist nicht allein wegen seiner Existenz ein vernetztes Produkt. Für Cloud- und Datenverarbeitungsdienste können jedoch die Regeln zu Wechsel und Interoperabilität relevant sein. Die konkrete Einordnung bleibt sachverhaltsabhängig.
03
Datenzugang: Rohdaten, Metadaten, kein fertiges Analyseprodukt
Die Zugangsregeln zielen auf Daten, die durch die Nutzung eines vernetzten Produkts oder eines zugehörigen Dienstes entstehen und beim Dateninhaber leicht verfügbar sind. Der Data Act nennt dabei ausdrücklich Rohdaten, vorverarbeitete Daten und die Metadaten, die für ihre Interpretation nötig sind.
Vor dem Vertrag informieren
Typ, Format, geschätztes Volumen, Echtzeitfähigkeit, Speicherort und voraussichtliche Aufbewahrung sollen verständlich beschrieben werden.
Einfach anfordern
Wenn kein direkter Zugriff am Produkt oder Dienst besteht, soll eine einfache elektronische Anfrage genügen, soweit technisch möglich.
Nutzbar liefern
Die Daten sollen sicher, kostenlos, vollständig, strukturiert, gängig und maschinenlesbar bereitgestellt werden, soweit die Verordnung greift.
Metadaten nicht vergessen
Ein CSV-Export ohne Einheiten, Zeitbasis, Felddefinitionen oder Gerätebezug kann formal vorhanden, aber praktisch unbrauchbar sein.
Beispiel: intelligenter Stromzähler
Messwerte wie Verbrauch, Zeitpunkt und Gerätestatus können als Roh- oder vorverarbeitete Produktdaten relevant sein. Eine Prognose, die ein Anbieter daraus mit eigenen Modellen ableitet, ist nicht automatisch derselbe Datentyp und nicht automatisch zugänglich.
05
Cloud-Wechsel: Der Ausstieg muss technisch möglich werden
Für Datenverarbeitungsdienste wie Cloud- und Edge-Angebote verlangt der Data Act Mindestbedingungen für Wechsel und Interoperabilität. Ein Kunde soll Daten und exportierbare digitale Vermögenswerte zu einem anderen Anbieter oder in eine eigene Infrastruktur portieren können.
1. Vertrag vorab prüfen
Der Vertrag muss Wechsel, Unterstützung, Kontinuität, exportierbare Daten, Ausnahmen und Fristen verständlich beschreiben.
2. Export und Schnittstellen nutzen
Anbieter müssen Informationen zu Formaten, Datenstrukturen und verfügbaren Schnittstellen bereitstellen.
3. Übergang planen
Der verpflichtende Übergangszeitraum darf grundsätzlich höchstens 30 Kalendertage betragen. Technische Unmöglichkeit muss binnen 14 Arbeitstagen begründet werden; ein alternativer Zeitraum darf höchstens sieben Monate dauern.
4. Daten abrufen
Nach der Übergangsphase ist mindestens ein 30-tägiger Abrufzeitraum vorgesehen. Die Datenübertragung soll sicher und ohne unnötige Unterbrechung erfolgen.
5. Gleichwertigkeit realistisch verstehen
Funktionale Gleichwertigkeit bezieht sich auf vergleichbare Funktionen desselben Diensttyps, nicht auf identische interne Technik oder jedes Detail der alten Plattform.
Wechselgebühren
Bis zum 12. Januar 2027 können reduzierte Wechselgebühren verlangt werden, die unmittelbar mit dem konkreten Wechsel verbunden sind. Ab dem 12. Januar 2027 dürfen Anbieter keine Wechselgebühren mehr verlangen. Normale laufende Servicepreise, vereinbarte vorzeitige Vertragskosten und zusätzliche, ausdrücklich gewünschte Migrationsleistungen sind davon zu unterscheiden.
06
Der Vertrag ist keine Exit-Strategie
Ein Vertrag kann Portabilität versprechen und trotzdem an unklaren Formaten, fehlenden Schlüsseln oder manuellen Abhängigkeiten scheitern. Ein KMU sollte den Export deshalb wie einen technischen Prozess beschreiben und testen.
Dateninventar
Welche Tabellen, Objekte, Dateien, Ereignisse, Metadaten und digitalen Vermögenswerte sind exportierbar?
Format und Schema
Sind Formate, Einheiten, Beziehungen, Versionen und Zeichencodierung dokumentiert?
Zugänge und Geheimnisse
Wie werden Konten, Schlüssel, Zertifikate, Konfiguration und Berechtigungen sicher neu aufgebaut?
Abhängigkeiten
Welche DNS-Einträge, Webhooks, Jobs, Geräte, Apps und Drittanbieter müssen umgestellt werden?
Importtest
Kann ein repräsentativer Datensatz in einer Zielumgebung importiert und fachlich geprüft werden?
Löschen und Nachweis
Wie wird nach erfolgreichem Wechsel die vollständige Löschung der exportierbaren Daten beim alten Anbieter bestätigt?
Illustratives Exportpaket
Ein nutzbares Paket kann zum Beispiel Daten, Schema, Prüfsummen und eine kurze Importanleitung enthalten:
export/
customers.csv
events.ndjson
schema.json
checksums.txt
README.md
Die Dateinamen sind nur ein Muster. Entscheidend sind verständliche Semantik, sichere Übergabe und ein erfolgreich getesteter Import.
07
Was der Data Act nicht automatisch verspricht
Ein realistischer Artikel muss die Grenzen genauso klar benennen wie die neuen Rechte. Sonst wird aus einem guten Datenzugang eine falsche Erwartung an Anbieter und Kunden.
Kein Anspruch auf jedes Analyseergebnis
Abgeleitete, inferierte oder stark angereicherte Daten und fremde Inhalte fallen nicht automatisch unter denselben Zugang wie Roh- und vorverarbeitete Produktdaten.
Kein Anspruch auf Quellcode oder interne Modelle
Interne Funktionsweise, geschützte digitale Vermögenswerte und Geschäftsgeheimnisse müssen nicht einfach offengelegt werden.
Kein Freibrief für personenbezogene Daten
Datenschutzregeln bleiben anwendbar. Bei personenbezogenen Daten muss die Weitergabe rechtlich zulässig und organisatorisch kontrolliert sein.
Keine automatische Ein-Klick-Migration
Der Anbieter muss Wechsel erleichtern. Datenmodell, Zielplattform, Integrationen und fachliche Abnahme bleiben ein echtes Migrationsprojekt.
Nicht jeder kundenspezifische Dienst ist gleich behandelt
Für stark individuell gebaute und nicht breit kommerziell angebotene Datenverarbeitungsdienste gelten einzelne Wechselpflichten eingeschränkt.
Die sichere Formulierung
„Exportierbar“ sollte im Vertrag nie nur ein Marketingwort sein. Definiere Umfang, Format, Frist, Zugriff, Sicherheitsvorgaben und einen Testfall.
08
Die 10-Punkte-KMU-Checkliste
Mit diesen Fragen lässt sich ein vorhandenes Produkt oder ein Cloud-Vertrag ohne juristische Schlagwortsuche technisch vorsortieren.
- Vernetzte Produkte, zugehörige Dienste und Datenverarbeitungsdienste sind getrennt inventarisiert.
- Für jedes Produkt sind Datenarten, Formate, Volumen, Frequenz und Aufbewahrung bekannt.
- Rohdaten, vorverarbeitete Daten, Metadaten und abgeleitete Auswertungen sind unterschieden.
- Rolle von Nutzer, Dateninhaber und möglichen Dritten ist dokumentiert.
- Es gibt einen direkten Zugang oder einen einfachen elektronischen Anfrageweg.
- Exportformate, Schema, Einheiten und relevante Schnittstellen sind beschrieben.
- Konfiguration, Secrets, Geräte und Integrationen sind in der Exit-Planung enthalten.
- Wechselgebühren, Übergangszeitraum und Abruffrist stehen im Vertrag und sind verstanden.
- Ein repräsentativer Export wurde in einer Zielumgebung importiert und fachlich geprüft.
- Datenschutz, Geschäftsgeheimnisse, Sicherheit und Löschbestätigung sind einer Person zugeordnet.
09
Häufige Fragen
Gilt der Data Act für jede Unternehmenssoftware?
Nein. Die Datenzugangsregeln knüpfen insbesondere an vernetzte Produkte und zugehörige Dienste an. Für Cloud- und Datenverarbeitungsdienste gelten eigene Wechselregeln. Ein reines internes Tool ist nicht allein wegen seiner Softwareform automatisch vollständig erfasst.
Muss der Cloud-Anbieter die gesamte Migration kostenlos durchführen?
Nein. Wechselgebühren werden ab 12. Januar 2027 abgeschafft, zusätzliche ausdrücklich gewünschte Migrationsleistungen können aber separat vereinbart werden. Normale Servicepreise und bestimmte Vertragskosten sind davon zu unterscheiden.
Kann ein Anbieter Daten wegen Geschäftsgeheimnissen zurückhalten?
Der Data Act verlangt keine Preisgabe geschützter interner Technik oder von Geschäftsgeheimnissen. Ausnahmen dürfen den vorgesehenen Wechsel aber nicht unnötig verhindern oder verzögern.
Was ist vor dem 12. Januar 2027 wichtig?
Verträge, Exportumfang und Kosten prüfen, ein Format festlegen und einen Import testen. Die Übergangsphase bei Gebühren ist kein Grund, den Exit erst 2027 zu planen.
Was sollte ein kleines Unternehmen jetzt zuerst tun?
Mit einem konkreten Produkt oder Cloud-Dienst beginnen: Dateninventar erstellen, Export anfordern, Schema dokumentieren, Abhängigkeiten ergänzen und einen kleinen Migrationstest durchführen.
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Offizielle Quellen und Verordnungstext
Verwendete Primärquellen, zuletzt geprüft am 18. August 2026.

